Im Februar 2026 

 

Wenn Friedrich Merz in diesem Monat nach China fliegt und die deutsch-chinesischen Beziehungen stabilisieren möchte, dann ist man in Peking zufrieden. Ein Zauber geht davon nicht aus. 

 

Doch es geht auch anders – und das hat niemand eindrucksvoller vermocht als zwei deutsche Professoren namens Jakob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859). Grimms Märchen sind eine Erfolgsstory weltweit und in China haben sie einen fast einzigartigen Zauber ausgelöst, der immer wieder neue Höhepunkte der Märchenbegeisterung hervorbringt. 

 

Mit diesem Brief erinnern wir uns dieser einzigartigen Faszination von Geschichten „made in Germany“ und erzählen ihre spannende Geschichte im Reich der Mitte.  Wir bedauern, dass umgekehrt chinesische Märchen in deutschen Kindergärten und Schulen bisher wenig bekannt sind. Das wäre ein großes Zukunftsthema für deutsch-chinesische Beziehungen mit Blick auf unsere Kinder. Umso wichtiger, dass wir uns in der chinesischen "Version" von Isabel damit jeden Monat auch an ein chinesisches Lesepublikum wenden… 

Die Märchenerzähler 

Wie die Brüder Grimm China verzauberten

Liebe Leserinnen und Leser!

 

Es gibt Stoffe, die sind zeitlos. Dazu gehören auch „Grimms Märchen“. China hat eine besondere Beziehung zu Froschkönig, Schneewittchen, Rotkäppchen und Co: Vor wenigen Monaten war in mehreren Städten eine große Ausstellung mit dem Titel „Die fantastisch-magische Reise von Grimms Märchen über 200 Jahre“ zu sehen. Der alte Stoff meiner Kindheit erhält in China große Aufmerksamkeit geschenkt. Das überraschte mich ehrlich. Nirgendwo sonst gibt es Vergleichbares. In Deutschland, dem Heimatland der Brüder Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859), findet man zwar Museen, Statuen und auch eine Märchenstraße – aber keine landesweiten Ausstellungen dieser Art. 

Dieser „Bambusbrief“ zum chinesischen Neujahrsfest 2026 bietet eine fantastische Gelegenheit bei Jiaozi, Neujahrs-Reiskuchen, Fisch, Gelbem Reiswein und einem guten Maotai an die Grimms und ihre Märchen zu erinnern. Neujahr in China selbst enthält einen Schatz alter Geschichten und Märchen, die man bei der Gelegenheit wieder vertiefen könnte. Die Märchen der Grimms gehören mittlerweile genauso zu China wie sie zu Deutschland und Europa gehören. Sie haben – unbeabsichtigt - Einzigartiges für den kulturellen Austausch zwischen West und Ost geleistet. Aber der Reihe nach. Beginnen wir doch mit dem berühmten Anfang aller Märchen: Es war einmal..

TEIL 1: Grimms Märchen – zwischen Deutschland und Europa 


Warum sammelten zwei Brüder alte Volkserzählungen? 

 

…dass einem Ehepaar in Hanau, einer heute eher unscheinbaren Stadt nahe Frankfurt, zwei Söhne geboren wurden. Sie hießen Jacob und Wilhelm. Die beiden liebten es, Dinge zu ordnen und davon kleine Geschichten zu erzählen. Mit elf beziehungsweise 12 Jahren siedelten sie mit den Eltern nach Kassel über. Dort verbrachten sie 30 Jahre ihres Lebens zunächst als Schüler, später als Bibliothekare und Märchensammler. Kassel – diese Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen – hat eine besondere Bedeutung für den Kulturaustausch zwischen Deutschland und China: Nicht nur, dass wir der Stadt Grimms Hausmärchen-Sammlung verdanken, sondern auch das erste „chinesische“ Dorf Deutschlands namens Mulang, welches im Zuge der europäischen Chinabegeisterung der Aufklärung (Chinoiserie) gebaut wurde, zwei Jahrzehnte bevor die Grimms nach Kassel kamen. Heute denkt man zunächst an die internationale Kunstausstellung „documenta“, die zum Schaffensort vieler chinesischer Künstler geworden ist. 

 

Also Kassel: Hier war die Zentrale. Jacob sortierte, systematisierte, kategorisierte. Er war der stärkere Wissenschaftler – Wilhelm dagegen konnte besser redigieren und erzählen. Ihm verdanken wir die gute Lesbarkeit der Märchen. Die Arbeit, die sie in Kassel begonnen hatten, nahmen die Gebrüder Grimm als Professoren und Gelehrte auch mit nach Göttingen und Berlin. Sie dauerte Jahrzehnte lang und wuchs zu einer der großen Schöpfungen der deutschen Romantik heran. Bis kurz vor dem Tod beider Brüder erschienen immer wieder sprachlich verbesserte Neuauflagen. Das war ein zähes Geschäft, denn Bestseller wurde die Märchen in den Anfangsjahren jedenfalls nicht. 

 

Überhaupt: Wie kamen ausgebildete Juristen auf die Idee, Volkserzählungen zu sammeln? Jacob, der ältere, ließ sich von seinen Marburger Hochschullehrern schnell für die historischen Entwicklungen des deutschen Rechts und der deutschen Sprache begeistern. Am Ende interessierten ihn die deutsche Literatur und die deutsche Sprache mehr als das in ihr verfasste Recht. Die Juristerei hängte er früh an den Nagel. Wilhelm folgte seinem Bruder. Sowohl in die Juristenausbildung nach Marburg, als auch in dem Interesse an Sprache und Literatur. 

 

Die Märchensammelei der Brüder begann in Kassel: Freunde und Bekannte inspirierten und unterstützten beide bei dieser Arbeit. Darunter waren einige später prominente deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Romantik. Selbst Goethe (1749-1832), längst der Star unter den deutschen Kulturschaffenden, ermunterte Wilhelm, deutsche und europäische Volkserzählungen zu sammeln – und für die Öffentlichkeit aufzubereiten. 

 

Damals herrschte in Deutschland eine große Begeisterung für die eigene Volkskultur: Unter Beteiligung Goethes schufen Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Romantik die erste große deutsche Volksliedersammlung bekannt unter dem Namen Des Knaben Wunderhorn. Die Grimms waren Teil der Bewegung, aber keine schwärmerischen Romantiker, sondern genau arbeitende Sprachforscher: Mit ersten Vorlesungen zur deutschen Literatur, Vergleichen der verschiedenen germanischen Sprachen und ihrer literarischen Traditionen sowie der Erforschung des Zusammenhangs der sogenannten indogermanischen Sprachen begründeten sie die neue Wissenschaft der Germanistik. Darin fanden die neu entdeckten Volkslieder, -sagen und -erzählungen ihren Platz.

Woher kam der Erzählstoff?

 

Jacob und Wilhelm waren keine Feldforscher. Ihnen lag es nicht, mit schwerem Reisegepäck loszuziehen, um die vielen Geschichten einzusammeln und aufzuschreiben, die sich das Volk an langen Abenden am prasselnden Herdfeuer, unter freiem Sommerhimmel oder in den vielen Wirtshäusern und Schankstuben der Gegend erzählte. 

 

Sie waren Schreibstubengelehrte. Ihre Quellen kamen zu ihnen, man traf sich irgendwo in der Stadt oder auf einem Landgut eines Bekannten. Darunter waren Frauen wie Dorothea Viehmann, die aus einem Ort nahe Kassel stammte, und ein bemerkenswertes Gedächtnis hatte. Dorothea war dazu eine begnadete Erzählerin. In der Gastwirtschaft ihres Vaters schnappte sie schon in jungen Jahren die unterschiedlichsten Geschichten auf, die sich die einkehrenden Gäste dort erzählten. 

 

Geschichtenerzählen war das Volksmedium der Zeit und die geselligste Art der Unterhaltung: in China übrigens noch weit länger als in Deutschland, wie die alten Geschichtenerzählertraditionen des Landes verraten. Von der professionellen Geschichtenerzählerin und Marktfrau Dorothea Viehmann stammte der Stoff von über vierzig Märchen. 

 

Die berühmtesten und wohl auch in China beliebtesten Märchen wie „Der Froschkönig“, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Rotkäppchen“ oder „Hänsel und Gretel“ - ohne deren Knusperhaus deutsche Weihnachten undenkbar wären -  haben hingegen weniger lokale deutsche, sondern mehr europäische, nicht selten französische oder italienische Wurzeln. Kasseler Bildungsbürger wie die Hugenottenfamilie Hassenpflug versorgten die Grimms mit dem Stoff: Hänsel und Gretel beispielsweise zeigt Parallelen zu französischen und italienischen Erzählungen, bei Rotkäppchen findet sich mit der Version von Charles Perrault von 1697 eine französische Urfassung. Ähnliches gilt für den Aschenputtel-Stoff, der sich sowohl bei Perrault als auch bei Europas „Vater der Märchenerzähler“, dem Italiener Giambattista Basile (1566-1632), findet. 

Ist Schneewittchen eine wahre Geschichte? 

 

Keine 50 Kilometer entfernt von meinem Schreibtisch liegt das Städtchen Waldeck am Edersee. Der Ort ist noch ein Geheimtipp unter den Reisezielen in Deutschland, liegt er doch in einem echten Nationalpark von eigentümlicher Schönheit und – viel wichtiger – er soll die Heimat Schneewittchens sein. Genauer gesagt die Heimat einer hübschen jungen Frau namens Margaretha, Tochter des Grafen Philip IV. von Waldeck-Wildungen. Die Mutter Margarethas verstarb früh im Alter von 37 Jahren, so dass der Vater ein zweites Mal heiratete. Margaretha hatte wie im Märchen eine Stiefmutter, Katharina von Hatzfeld. Der Vater schickte die Tochter in jungen Jahren in die Fremde, genauer nach Brüssel, was politische Hintergründe hatte, der Volksmund aber leicht mit Problemen zu Hause in Verbindung brachte. Und sind Stief- oder Schwiegermütter nicht oft schuld daran, wenn Familienharmonie zerbricht? Auf jeden Fall starb die junge Dame mit nur 21 Jahren 1554 im fernen Brüssel. Die Gerüchteküche brodelte: Vermutlich wurde sie vergiftet – und wer könnte schon ein Interesse am Tod Margarethas gehabt haben? Natürlich die böse Katharina, die der Stieftochter zudem ihre Schönheit neidete! Und wie kommen nun die „sieben Zwerge“ ins Spiel, genauer in die Geschichte? Auch dafür bietet die hessische Gegend um Waldeck eine plausible Erklärung. Vater Philip besaß mehrere Kupferminen, unter anderem auch nahe dem Städtchen Wildungen unweit Waldecks. Weil die Stollen sehr niedrig waren, beschäftigte man Kinder, die das Metall in den Minen abbauen mussten. Umweltgifte und harte Arbeit ließen die Kinder früh altern – eine groteske Zwergenkolonie war geboren. Unschuldige Jugend, ausgebeutet von den harten Arbeitsbedingungen jener Tage, trifft auf unschuldige Jugend im Grafenschloss. Die Allianz zwischen dem anmutigen Schneewittchen und den armen Zwergen „unter Tage“ stand. 

 

So oder so ähnlich, war der Historiker Eckhard Sander überzeugt, könnte die Schneewittchen-Geschichte ein reales Vorbild gehabt haben und damit solide deutsche Wurzeln. Dazu passt, dass Jacob und Wilhelm Grimm ihre lokale Freundin Marie Hassenpflug (1788-1856) als Quelle nutzten. Ohne sie würde es Geschichten wie Rotkäppchen, Froschkönig, Hänsel und Gretel sowie Schneewittchen nicht geben. 

 

Doch die Sache hat mehrere Haken: Erstens hatte Marie den Ort Waldeck und die lokalen Ereignisse dort nie gegenüber den beiden Brüdern erwähnt – auch die Grimms stellten nie einen direkten Bezug nach Waldeck her und zweitens stimmen so einige Ereignisse des berühmten Märchens nicht mit den realen Fakten überein: Katharina von Hatzfeld, die Stiefmutter Margarethas, starb Jahre bevor sie eine Giftattacke auf die junge Frau hätte ausführen können – geschweige denn mit einem vergifteten Apfel wie im Märchen. Und wie die Zwerge aus Wildungen nach Brüssel hätten eilen können, um die tote Schönheit heimzuholen – auch das bleibt ein unlösbares Rätsel. 

Liebe Leserinnen und Leser, es bleibt festzuhalten: Grimms Märchen stammen aus vielen Quellen. Gerade die bekanntesten sind oft keine typisch deutschen – sondern eher europäische Erzählstoffe. Trotzdem wollen wir Deutsche uns unsere Grimms Märchen nicht nehmen lassen. Wer den Flair der Gegend, in der Jacob und Wilhelm Grimm tätig waren, live erleben möchte, der sollte die deutsche Märchenstraße bereisen (https://www.deutsche-maerchenstrasse.com/en/german-fairy-tale-route-cn), die von Hanau, dem Geburtsort der Brüder, bis nach Bremen mit den berühmten Stadtmusikanten führt. 

Dazwischen kann man Orte wie Waldeck, Wildungen oder Hameln, die berühmte Stadt des Rattenfänger-Märchens besichtigen – und so verstehen, warum Deutschland auch heute noch ein „märchenhaftes Land“ sein kann, mit Reizen attraktiver als Benz, BMW und Porsche zusammen.   

 

TEIL 2: Der Weg nach China 

 

Wie kam Schneewittchen nach China? 

 

Wie gelangten diese Geschichten nun nach China? Oft sind es Übersetzungen, die den Ruhm eines literarischen Werkes erst begründen. Im Jahr 1823 – also mitten in der Phase, in der Jacob und Wilhelm noch an verbesserten Ausgaben ihrer Sammlung arbeiteten - übersetzte Edgar Taylor(1793-1839) die Texte der Grimms ins Englische. 

 

Im Gefolge der ersten Übersetzung entstanden schnell weitere, und Grimms Märchen verbreiteten sich als German Popular Stories schnell in der englischsprachigen Welt bis nach Indien und Nordamerika. Weitere Übersetzungen in andere Sprachen folgten, und 1887 brachte ein gewisser Suga Ryōhō eine erste Sammlung der deutschen Volksmärchen in Japan heraus. Das war der Beginn eines langen und intensiven Austausches mit Ostasien. Suga konnte jedoch kein Deutsch, sondern übersetzte aus der Fassung der bekannten Märchenübersetzerin Susanna Mary Paull (1811-1888) aus dem Englischen ins Japanische. 

 

Die Märchen waren so dem gleichen Wandlungsprozess unterworfen wie viele alte Geschichten. Die volksnahe Direktheit der Märchen, ihr spröder bäuerlicher Charme, die manchmal überraschend offene Sexualität der Erzählungen, die Härte mancher Strafen und Gewohnheiten, welche die beiden Volkskundler und Germanisten Jacob und Wilhelm bewusst erhalten wollten, verschwand in den englischen Versionen des 19.Jahrhunderts. Die deutschen Volksmärchen wurden Teil einer viktorianisch geführten, international geteilten Bildungstradition, die das Schöne, Gute und Gerechte besonders betonte. 

 

Das passte bestens nach Meiji-Japan (1868-1912), das Europa nacheiferte, um selbst Teil einer modernen, westlichen Welt zu werden. Sazanami Iwaya (1870-1933), der erste große Kinderbuchautor und große Geschichtenerzähler Japans, integrierte die deutschen Märchen in seine Kinderbücher und Märchenveröffentlichungen. So verschmolzen sie mit japanischen Geschichten wie etwa Momotaro zu einem neuen Bildungsgut für Kinder. Die deutschen Märchen wurden Teil von Japans moderner Kinderliteratur otogibanashi . Diese neue Literatur verbreitete sich nach 1895 dann schnell in Korea und auf Taiwan, nachdem Japan diese Regionen bis 1945 besetzt hatte. 

 

Das moderne „Bildungs-Japan“ zog zahlreiche chinesische Intellektuelle im Vorfeld der Vierten-Mai-Bewegung von 1919 in ihren Bann. Unter Ihnen auch die beiden Brüder Zhou Shuren, alias Lu Xun (1881-1936) und Zhou Zuoren (1885-1967). Der jüngere Bruder Lu Xuns, des Vaters der modernen chinesischen Literatur, war es, der 1923 einzelne – aber weniger bekannte – deutsche Märchen vorstellte. 

 

Schon zwei Jahrzehnte früher erschienen 1902 die ersten Übersetzungen in Shanghai. Die Zeitschrift Eastern Magazine brachte zwischen 1909 und 1910 über 50 Märchen der Brüder Grimm heraus. All diese Übersetzungen nutzten englische Vorlagen, die teilweise über Japan verbreitet wurden – wie auch der Begriff „Kindergespräche“ für Märchen von japanischen Wortschöpfern stammte. Verantwortlich für seine Verbreitung war Sun Yuxiu, der heute als „Vater des Märchens“ in China gilt. 

Was gefiel Ostasiens Übersetzern und später den Leserinnen und Lesern an Grimms Märchen? Ihre Themen wie Sieg des Guten über das Böse und das erfolgreiche Bestehen von Prüfungen, die Schneewittchen, Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel zu bewältigen hatten, wunderbare Verwandlungen von Fröschen in Prinzen, die gut zu den Verwandlungsgeschichten eine Pu Songling (1640-1715) passen, überzeugten die bildungsorientierten, konfuzianisch geprägten Leserinnen und Leser des Ostens. Eine Grimm-Geschichte wie „Gevatter Tod“, die ich als Kind oft vorgelesen bekam und faszinierend fand, ist in Ostasien und selbst in England unbekannt. 

China im Grimm-Fieber? 

 

Eine Stadt war für den ungewöhnlichen Erfolg von Grimms Märchen in China entscheidend: Shanghai. Die internationale Metropole war nicht nur der Ort der ersten Übersetzung. Die erste vollständige Sammlung der Märchen konnte 1934 von The Commercial Press in der Henan Middle Road 211 im Distrikt Huangpu gedruckt werden. 

Mit dieser Ausgabe waren die Grimms und ihre Märchen wirklich im Reich der Mitte angekommen. Noch etwas veränderte sich ab den 1930er Jahren: Die Qualität der Übersetzungen. Chinesische Übersetzer waren nun ausgebildete Professoren der Germanistik und hervorragende Kenner der deutschen Sprache und Literatur. Einer von ihnen war Wei Yixin (1898-1986). Er übersetzte die Märchen komplett und eng am Original aus dem Deutschen. Sein jüngerer Fachkollege Yang Wuneng (geboren 1938), einer der erfolgreichsten und vielseitigsten Übersetzer deutscher Klassiker in Ostasien, schuf die heute noch gültige Standardübersetzung im Jahr 1992. Das Buch des „weisen Übersetzers aus Sichuan“, wie Yangs Literatenname lautet, ist vermutlich der größte Erfolg eines Stücks deutscher Literatur in China. Es wurde mehr als zwanzigmal herausgegeben und erreichte Auflagen in Millionenhöhe. Nur die großen englischen und französischen Dichter und Schriftsteller erreichen in China ähnliche Auflagenstärken. So haben die Hausmärchen den bisher größten Erfolg deutscher Literatur im Reich der Mitte erzielt. Sie sind keine kurzfristigen Bestseller wie Harry Potter, sondern Longseller, die Generationen chinesischer Kinder und Erwachsener prägen - vom Anfang des 20.Jahrhunderts bis heute. 

Der Millionenerfolg beweist, welche völkerverbindende Kraft Kultur haben kann. Weder Ökonomie und Politik entfalten eine derart nachhaltige Wirkung. 

 

Noch etwas ist bemerkenswert: Die Märchenerzähler aus Deutschland beeinflussten sogar die Entstehung des chinesischen Märchens selbst, das Sun Yuxiu, Zhou Zuoren und andere erst Anfang des 20.Jahrhunderts begrifflich schufen. Die literarischen Reformer waren Teil einer Gruppe namens Lin Lan. 

 

Die frühen Übersetzer von Grimms Hausmärchen setzten sich derart intensiv mit ihrem Stoff auseinander, dass sie Anfang des 20.Jahrhunderts in China eine Suche nach eigener Identität einleiteten. Diese Suche fand unzählige, meist mündlich überlieferte Erzählungen für Kinder, Heranwachsende und für ein allgemeines Publikum. Dazu gehört auch die bekannte Geschichte von „Hirte und Weberin – Das Zusammentreffen an der Milchstraße" . Die Lin Lan-Gruppe sammelte tausender chinesischer Märchen. Doch kaum jemand kennt sie und ihre beeindruckende Sammlung - stünde ihnen doch der Titel die „Grimms aus China“ zu. Das wäre auch eine Ehre für die gelehrten Brüder aus Hanau, die damit eine wichtige Bewegung zur kulturellen Selbstfindung in China Anfang mitinspirierten. Erst vor wenigen Jahren erschien eine Auswahl aus der Lin Lan-Sammlung in englischer Übersetzung an der Princeton University – die bisher einzige ihrer Art. 

Im Märchen folgt am Ende die Moral von der Geschicht‘. Für diesen Bambusbrief lautet sie: Was andere Gutes Dir getan – das tu auch anderen! Generationen von Menschen in China konnten sich an Grimms Märchen erfreuen – und tun dies heute oft stärker als Menschen in vielen anderen Ländern, wie die eingangs erwähnte große Grimm-Ausstellung zeigt. 

 

Im Gegensatz dazu sind die Märchen der Lin Lan-Sammlung, „Chinas Grimms“, bis heute unbekannt und unübersetzt. Wer „Chinas Geschichte“ in der Welt und vor allem in Deutschland erzählen möchte, sollte das Geld in Übersetzungen volksnaher Erzählungen stecken, die ein breites Lese- und Hörerpublikum finden können. Die Zielgruppe solcher Erzählungen sind Kinder wie jene, die den Kindergarten gegenüber meinem Haus hier in Hallenberg, unweit der deutschen Märchenstraße, besuchen. Anders als ihre Altersgenossinnen und -genossen in Shanghai oder Beijing kennen die deutschen Kinder das Märchen von Hirtenknabe und der Weberin in der Regel nicht, genauso wenig wie die Geschichte des Affenkönigs Sun Wukong, der sogar eine berühmte Romanfigur ist.

Was die Kinder in Hallenberg mit denen in Shanghai verbindet, das sind Schneewittchen, Rotkäppchen sowie Hänsel und Gretel. Es ist an der Zeit, dass Sun Wukong, Hirtenknabe und Weberin das künftig auch leisten. Eine Übersetzung der Lin Lan-Texte ins Deutsche und andere europäische Sprachen wäre ein großes Projekt für den Kulturaustausch.  

 

Was die Kinder von heute lesen oder im Internet entdecken, kann morgen das Schicksal der Welt ein klein wenig beeinflussen. So, wie es Grimms Hausmärchen in China vermochten und noch immer vermögen. 

Ihr
Marcus Hernig

Rotkäppchen – ganz traditionell: Ausstellungsplakat aus Shanghai des Jahres 2025

Wilhelm und Jacob Grimm als geschätzte Forscher und Akademiker.
Ein Bild von 1847 aus Berliner Zeiten.
 

Vorbilder für Aschenputtel, Froschkönig und Co finden sich in Europas ältester Märchensammlung: Dem Pentamerone von 1635. 

Noch immer ein englischer Klassiker: Taylors Übersetzung der Hausmärchen.
Sie brachte den Stoff in die Welt.
 


Poetische Wortspiele aus dem Eastern Magazine (东方杂志 ) von 1909,
erschienen bei The Commercial Press in Shanghai, enthielten über 50 Märchen der Gebrüder Grimm als Seriendruck.
 


Schönheit, Unschuld, der Sieg des Lebens und der Moral: Schneewittchen passte gut in Queen Victorias Empire und Ostasiens konfuzianische Gesellschaften


Eine der vielen Auflagen von Grimms Märchen in der erfolgreichsten aller Übersetzungen von Yang Wuneng, „den weisen Übersetzer aus Sichuan“ – ein Longseller seit 1992. 


Die vielleicht einzige Übersetzung chinesischer „Märchen“der Lin-Lan-Gruppe überhaupt: Die Princeton-Ausgabe von 2020.