Diesmal ist es an der Zeit ein beharrliches Missverständnis auszuräumen: Die Seidenstraße, besonders in ihrer „neuen Variante“ des 21. Jahrhunderts, sei eine einseitige chinesische Angelegenheit. Ich widerspreche: Die Seidenstraße – auch die „neue“ mit ihren Infrastrukturbauten für Verkehr und Energie ist wesentlich eine deutsche Erfindung und geht uns sehr viel an.

Ein Geograf aus Berlin erfand den Begriff und machte ihn international bedeutend, sein Schüler, ein Schwede, erforschte erstmalig die Umnutzung zu modernen Straßen- und Eisenbahnverbindungen. Die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der Sowjetunion brachten einen ehemaligen sowjetischen Außenminister und Ex-Präsidenten dazu, den Begriff einer „neuen Seidenstraße“ zu denken.

Das Wissen heute um diese Vergangenheiten ist wichtig. Dazu bin ich einen ungewöhnlichen Weg gegangen: Ich habe einen klärenden Brief in die Vergangenheit geschrieben, an einen Toten, Ferdinand von Richthofen (1833-1905), der einst den Begriff Seidenstraße in die Welt setzte. Darin steht vieles, was wissenswert ist. Wie riet uns schon Konfuzius? „Wer sich mit dem Alten vertraut macht – und daraus neue Wege erkennt, der ist imstande ein Lehrer zu sein.“ Möge der neue Bambusbrief in diesem Sinne neue Einsichten vermitteln… 

Ihr
Marcus Hernig

Ein Brief an den Erfinder der Seidenstraße

Liebe Leserinnen und Leser, 

 

der zweite Bambusbrief, den ich schreibe, ist ein Versuch, ein ganz besonderer Versuch. Ich schreibe an eine Person in der Vergangenheit und lasse Sie als „Mitleserinnen“ und „Mitleser“ an diesem Experiment teilhaben. Mein Brief in die Vergangenheit ist ein Brief in einem Brief an Sie alle. Er ist der erste und einzige Brief, den ich jemals in die Vergangenheit schrieb. Der Adressat des Briefes ist Doktor Ferdinand Freiherr von Richthofen, Professor an der Berliner Universität für Geografie. Heute heißt diese Universität Humboldt-Universität. 

 

Für uns in Europa und in China ist dieser Mann bedeutend, denn er hat etwas Bedeutendes geleistet: Richthofen hat das komplexe Netz der antiken Seidenstraßen entdeckt und den deutschen Begriff „Seidenstraße(n)“ in die Welt gesetzt. Wissenschaftler und Gelehrte aus aller Welt – auch aus China – haben von ihm diesen Begriff übernommen. So stammt 丝绸之路 genau wie das englische „Silk Road(s)“ vom deutschen Wort „Seidenstraßen“ ab. Es waren Ferdinand von Richthofen und seine Schüler wie der bekannte schwedische Entdecker Sven Hedin, welche erstmalig die Seidenstraßen wissenschaftlich beschrieben und darauf aufbauend selbst erforschten. Britische Expeditionen vor ihnen waren eher punktuell und wenig systematisch.  Die Ergebnisse dieser von Richthofen in Gang gesetzten Forschung konnte Hedin seinen chinesischen Auftraggebern wie der Regierung der „Republik China“ in den 1930er Jahren zur Verfügung stellen. Sie führten schon damals zur Idee einer „Neuen Seidenstraße“, einen Begriff, den wir dem letzten sowjetischen Außenminister und späteren Präsidenten der Republik Georgien, Eduard Schewardnadse (1928-2014) verdanken.  Schon in den 1930er Jahren wurden in China erste Ideen und Konzepte einer neuen Seidenstraße mit Autostraßen und Eisenbahnverbindungen entwickelt. Sie sind die vergessenen Vorläufer der „neuen Seidenstraße“- auch bekannt als 一带一路 -  die Chinas Staatspräsident Xi Jinping 2013 in Kasachstan und in Indonesien ins Leben rief. 
 

Der deutsch-chinesische sowie der europäisch-chinesische Austausch legte so im späten 19. und im frühen 20.Jahrhundert Grundlagen für weltbewegende Entwicklungen aus China im 21.Jahrhundert. Lesen Sie daher meinen Brief an den „werten Herrn Professor“, den großen Chinareisenden des 19.Jahrhunderts. 

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An  

Prof. Dr. Ferdinand Freiherr von Richthofen 

Kurfürstenstraße 77 

Berlin 

Deutsches Reich 

 

Werter Herr Professor Freiherr von Richthofen, 

 

mein Name ist Marcus Hernig und ich hatte das Vergnügen und die Ehre fast 120 Jahre nach Ihrem Tod Ihre Biografie mit viel Gewicht auf Ihre Chinareisen schreiben zu dürfen. Als Ihr Biograf gratuliere Ihnen nachträglich zu Ihrer größten Erfindung. Sie trägt den Namen „Seidenstraße“! Sie wundern sich bestimmt, dass ich Ihnen aus dem 21. Jahrhundert einen Brief in Ihr 19.Jahrhundert sende. Ich hoffe sehr, dass sie ihn trotz dieser ungewöhnlichen Umstände trotzdem erhalten werden. Ich stelle mir vor, dass Sie gerade an ihrem wunderbaren stattlichem Holzschreibtisch in Ihrer großzügigen Wohnung in der frisch gebackenen deutschen Hauptstadt sitzen und Ihre größte wissenschaftliche Leistung studieren: die Beschreibung der Seidenstraßen. Dazu serviert Ihnen Ihre Frau Irmgard chinesischen Tee oder einen Kaffee. Ich möchte mich nicht selbst einladen, aber verzeihen Sie: Ihr Schüler Sven Hedin hat geplaudert. Er schrieb mit spürbarem Genuss über Ihrer beider Gastfreundschaft, das gute Essen, das Ihre Frau den Gästen, meist Schülern aus denen später oft große Gelehrte und Berühmtheiten, Entdecker, Abenteurer und Wissenschaftler wurden. Und Sie ließen es sich nicht nehmen, dazu die ein oder andere gute Flasche Weißwein zu öffnen, frischen Mosel- oder Rheinwein, den Sie sich direkt nach Berlin liefern ließen. Lernen und Genießen bei Richthofens – eine magische Kombination. 

 

Sie hatten es sich verdient und können zu Recht stolz sein auf Ihre große Erfindung: das Netzwerk der Seidenstraßen. Aus meiner Zeit, die mehr als 148 Jahre von Ihnen entfernt in der Zukunft liegt, freue ich mich, Ihnen mitzuteilen, dass diese Routen zwischen Europa und Asien die Welt bewegt haben und weiterbewegen. Mir persönlich ist es wichtig, dass mehr Menschen in West und Ost Ihre Arbeit besser kennenlernen. Daher mache ich diesen Brief an Sie öffentlich und erzähle Vieles, was Sie für den Austausch zwischen China und Europa geleistet haben, so, dass unsere „Mitleser“ sich ein Bild davon machen können. Daher bitte ich Sie zu verzeihen, dass Ihnen Vieles, was ich schreibe, selbstverständlich bekannt vorkommt, weil Sie es ja erlebt und erarbeitet haben. 

Die Seidenstraßen als Thema der Deutschen 

 

Die Seidenstraßen und damit die Verbindung zwischen China und Europa hat die Deutschen des 19.Jahrhunderts beschäftigt. Ihr Lehrer Carl Ritter (1779-1859) erwähnte erstmals explizit die „Seidenstraße“ von China zum kaspischen Meer. Doch anders als Sie hatte Ritter weder China noch die „Seidenstraße“ bereist. Auch Alexander von Humboldts (1769-1859) große Russland-Expedition von 1829 endete in Zentralasien, in einem Land, das heute Kasachstan heißt. Sie führte lediglich zu einer kurzen Berührung mit chinesischen Grenzposten. 

 

Sie dagegen haben Ihr Forscherleben China gewidmet. Als einer der ersten Europäer bereisten Sie das chinesische Hinterland weit jenseits der den Europäern bekannten Küstenlinien und großen Flüsse. Das ist eine Leistung, die wir Menschen des 21.Jahrhunderts uns heute kaum vorstellen können. Wochen- und Monate lang reisten Sie mit Schrittgeschwindigkeit, wurden auf Schubkarren, einem in China üblichen Verkehrsmittel Ihrer Zeit, durchgerüttelt, trieben auf gecharterten Booten über den Kaiserkanal. Vier Jahre lang, in verschiedenen Reiseetappen. Dazu kamen die politischen Unruhen und lokalen Kriege, die überall herrschten. Daher konnten sie nicht weiter westlich als Chengdu und Xi’an vordringen, weil die alten Handelsrouten nach Westen von Kriegen überzogen waren. 

 

Ich erinnere mich auch, dass Sie um 1860 mit nur 27 Jahren als Wissenschaftsattaché an der Preußischen Ostasienexpedition unter dem Grafen von Eulenburg teilgenommen hatten, sich gewünscht hatten, von Indien aus über Land nach China zu gelangen. Damals bereits mussten Sie ihren Plan fallen lassen, weil in Süd- und Zentralasien Unruhen und Kriege das Reisen über Land unmöglich machten. Wäre das damals möglich gewesen, dann hätten Sie Geschichte als Entdecker geschrieben. Sie wären wie vor langer Zeit die chinesischen Mönche Faxian (337-422 n.Chr.) und Xuanzang (602-664 n.Chr.) in umgekehrter Richtung von Indien nach Xi’an gereist. 

 

Werter Professor, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie einfach Sie heute im Unterschied zu Ihrer Zeit reisen könnten. Wir Menschen des 21.Jahrhunderts haben Angst vor großen Kriegen und Konflikten zwischen Ost und West, machen uns aber gar nicht bewusst, wie sicher und schnell wir heute mit Flugmaschinen, Zügen und immer besseren Automobilen überall hinreisen können, weil wir uns nicht klar machen, wie viele Kriege, Gefahren, Katastrophen zu Ihrer Zeit die Welt und gerade das noch sehr arme Asien beherrschten. Daher sind Ihre Chinareisen, die noch echte Expeditionen mit vielen Gefahren für das eigene Leben waren, aus meiner Zeit gedacht umso bemerkenswerter. 

Ihr Schüler Sven Hedin (1865-1952) setzte dann um, was Ihnen versagt blieb: Im Jahr 1895 gelang es dem Dreißigjährigen nach Xinjiang zu gelangen, die Stadt Loulan zu finden und das Geheimnis des „Wandernden Sees“, des Lop Nor, zu lüften. Ihren begeisterten Briefwechsel darüber durfte ich lesen – er wurde später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

 

Die Erfindung der Seidenstraße 

 

Ich habe mich immer gefragt, wie es Ihnen gelang, die Seidenstraße zu entdecken, obwohl sie selbst nie hinkamen. Haben Sie alles wirklich daheim in Berlin am Schreibtisch entworfen?  Sie reisten sin Gedanken, mithilfe alter Karten und Aufzeichnungen, die Sie während Ihrer vierjährigen Expedition durch China zwischen 1868 und 1872 sammelten. Wie konnten Sie diese Mengen an Material, jene Kisten, Koffer und was sonst noch alles bloß in ihre Berliner Wohnung schaffen? Das würde mich wirklich interessieren, denn heute senden wir ganze Wohnungseinrichtungen in wenigen Tagen zwischen China und Deutschland hin und her. 

  

Auf ihren Schreibtischreisen folgten Sie zunächst zwei antiken griechischen Weltkarten, der des Marinos von Tyros (70-130 n.Chr.) und der des Claudius Ptolemäus von Alexandria (100-170 n.Chr.). Die Karten waren sehr ungenau. Doch fanden Sie an Kartenrändern Hinweise, wo sich das Reich der „Seidenmenschen“ befand. Mit „Seidenmenschen“, den „Serern“, waren die Chinesen gemeint.  Ihr schon erwähnter Lehrer Carl Ritter hatte diese Quellen bereits verarbeitet.  Aber, was er wusste, war zu wenig. So stießen Sie plötzlich auf einen äußerst sprachtalentierten Österreicher, der im italienischen Mailand geboren war. Er hieß Joseph „Giuseppe“ Hager und lebte zwischen 1757 und 1819. Hager hatte nicht nur ein sehr geeignetes deutsch-chinesisches Lexikon herausgebracht, sondern auch eine erste Beschreibung der antiken Handelsverbindungen, welche in der europäischen Antike indirekt den Austausch mit dem China der Han-Dynastie ermöglichte. Dazu gehörte auch eine Karte mit dem Verlauf der antiken Verbindungen zwischen China und Europa. 

China als Quelle 

 

Nun hätten Sie sich mit Ihren europäischen Quellen zufriedengeben und bereits an dieser Stelle Ihre Version einer „Seidenstraße“ aufschreiben können. Doch genau das taten Sie nicht, denn Sie wussten, dass das Wissen der Europäer in Teilen ungenau und spekulativ war. Sie wussten, dass es zu jeder Yang- auch ein Yin-Seite gibt und umgekehrt, dass erst mit der Anziehungskraft zwischen zwei Polen Bewegung entsteht. 

 

So begannen Sie, den vorgezeichneten Weg von West nach Ost nun aus der anderen Richtung – von Osten nach Westen – zu entwerfen. Dazu nutzten Sie alte chinesische Karten und Aufzeichnungen, die Sie entweder übersetzen ließen oder auf bereits vorhandenes Wissen zurückgriffen. So kamen Sie in Kontakt mit den Werken James Legges (1815-1897), dem Gründungsprofessor des Lehrstuhls für Sinologie an der Universität Oxford. Legge hatte unter anderem das 禹贡, dem „Tribut des Yu“ ins Englische übersetzt, ein Werk, das unter anderem auch eine der frühesten Karten und Wegbeschreibungen Chinas enthält. Mithilfe dieser Quellen zeichneten Sie Schritt für Schritt ein Bild der „Seidenstraßen“-Routen mit allem, was Ost und West Ihnen an Wissen dafür zur Verfügung stellte! 

 

Werter Herr Professor! Ich hoffe nicht, auf meinen Brief eine Antwort von Ihnen aus der Vergangenheit zu erhalten, doch falls das mir Unvorstellbare doch eintreffen sollte und ich eines Tages einen Brief aus Papier von Ihnen in meinem kleinen schwarzen Postkasten im Sauerländischen Hallenberg vorfinden würde, wäre ich begeistert. Welche Frage Sie wohl an uns Menschen des 21.Jahrhunderts in Deutschland, in China und entlang „Ihrer“ Seidenstraßen hätten? Wären diese eher wissenschaftlich-geografisch ausgerichtet oder politisch-gesellschaftlich oder technologisch oder ganz einfach persönlicher Natur? Oder alles zusammen? Ich kann es mir kaum ausmalen, denn was ist alles seit Ihren Entdeckungen auf unserer Welt passiert? 

 

Mit der vorzüglichsten Hochachtung grüßt Sie 

 

Ihr 

Marcus Hernig 

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Liebe Leserinnen und Leser, 

 

so entstand an einem Berliner Schreibtisch und nach vier Jahren anstrengender Expeditionsreisen geleitet von Professor von Richthofen durch das China der Qing-Dynastie das Konzept der „Seidenstraßen“. Es sollte große Wirkung entfalten und nicht nur das Weltbild in Deutschland und in Europa, sondern später auch in China und in Asien verändern. Und was sich verändert hat, was für uns selbstverständlich erscheint, das muss auf einen Menschen des 19.Jahrhunderts wie Richthofen – und sei er noch so gelehrt – wie ein Schock wirken. Ob Richthofen antworten wird? Wenn ja, werden Sie als erste erfahren – in meinem nächsten Bambusbrief. 

 

Ihr  

Marcus Hernig 


Im Januar 2026

Marcus Hernig: Ferdinand von Richthofen – Der Erfinder der Seidenstraße, 
Berlin: Die Andere Bibliothek 2022.


 

Chengdu und Xi’an als westlichste Punkte – weiter ging es nicht.
Die Reiserouten Ferdinand Freiherr von Richthofens durch China zwischen 1868 und 1872.
 


 Ferdinand Freiherr von Richthofen (1833-1905) 


Er inspirierte Richthofen: Der Begründer der deutschen Geografie Carl Ritter (1779-1859)


 

Auf dem Weg nach Indien über Teile der alten Seidenstraßen:
der Mönch Faxian (337-422 n.Chr.)
 

  

James Legge (1815-1897): Mitbegründer der europäischen Sinologie und erster Lehrstuhlinhaber an der Universität Oxford.