Was China betrifft, so wusste Goethe Vieles besser als manch ein Zeitgenosse heute: " Die Menschen denken, handeln und empfinden fast ebenso wie wir, und man fühlt sich bald als ihres Gleichen…“ erzählte er Johann Peter Eckermann an einem kalten Januartag des Jahres 1827.
Politik und Medien des 21.Jahrhunnderts suchen nicht mehr das "Gleiche", das "Verbindende", sondern den Systemrivalen. Goethe wusste Vieles nicht nur besser als manch ein zwischen China und Deutschland hin- und hereilender Politiker, Medienmensch oder Geschäftemacher.
Obwohl nie in China oder in Asien gewesen, fühlte er den Osten als engen Vertrauten, er nahm sich Zeit für den anderen, er wehrte sich gegen den "Teufel der Geschwindigkeit", den er Velocifer nannte und schrieb in Muße eines seiner schönsten Gedichte: Die "Chinesisch-Deutschen Jahres- und Tageszeiten". Heute ist es mehr denn je an der Zeit, diese weiterzuschreiben. Ich habe es versucht...
Ihr
Marcus Hernig
Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten
Liebe Leserinnen und Leser!
Es ist nicht einfach, einen überzeugenden Anfang für eine Kolumne zu finden, die aus Briefen „zwischen Europa und Asien“ bestehen soll. Wer schreibt im 21. Jahrhundert noch Briefe und dann noch auf Bambus (简), wie im alten China üblich? Diese Briefe aus Bambusstreifen waren schwer, was den Vorteil hatte, sich erst genau zu überlegen, was man schreibt – und wieviel man schreibt. Das Gegenteil von schneller elektronischer Kommunikation heute: Oft schreiben wir dabei schneller als wir denken – und noch schneller lesen wir, fliegen über die Texte und sind schon beim nächsten, bevor wir das Gelesene überhaupt verdaut haben.
Genau das möchte ich vermeiden. Zum Glück brauche ich dafür keinen Bambus zu suchen und darf elektronische „Bambusbriefe“ schreiben. Doch zu schnell sollen sie nicht entstehen, diese Briefe zwischen West und Ost: Seien Sie gewiss, dass ich erst überlegt habe, worüber und wieviel ich schreiben möchte. So habe ich Hoffnung, dass Sie hier verweilen.
Doch schon trifft mich die zweite Herausforderung dieser Kolumne: Zwischen „Asien und Europa“ sollen die Briefe wandern, Brücken sollen sie bauen. Keine schweren aus Beton, sondern gedankliche, geistige. Auch das ist keine leichte Aufgabe. Muss ich doch doppelseitig denken, bevor ich schreibe: Von West nach Ost und dann wieder von Ost nach West. Und schließlich muss das Gedachte dann auch noch geschrieben werden – in beide Richtungen. Das ist schwierig, aber ausgesprochen anziehend, denn das Ergebnis entspricht der Gestalt eines Ginkgo-Blatts: Zweigeteilt – und doch eines, denn untrennbar sind beide Blattsegmente in einem gemeinsamen Stiel verbunden. Der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) wies in seinem berühmten Ginkgo-gedicht (Ginkgo biloba) auf die Untrennbarkeit von Ost und West, von Europa und Asien hin: Beide entstammen derselben Wurzel. Ich werde später darauf zurückkommen.
Verwurzelt in Eurasien nehmen ich Sie mit auf gedankliche Reisen, die entweder im Westen, in Europa, beginnen und nach Osten führen oder im Osten, in Asien, den Westen zum Ziel haben. Dieser Osten kann China sein, muss es aber nicht. Genauso wie Europa weit größer als Deutschland, mein altes Zuhause, ist, so ist Asien um einiges größer als China. Doch wer gern reist, so wie ich, der wird gerade dazu Lust haben, einmal eine weitere Reise auf sich zu nehmen. Doch wir reisen nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Das führt uns nicht nur in die Weiten Eurasiens, sondern auch in ihre historische Tiefe. Wir begegnen Persönlichkeiten, die bedeutend sind für Vieles, was zwischen Europa und Asien gewachsen ist und weiterwachsen soll. Hier liegt eine besondere Herausforderung unserer Zeit – hier erhalten die Reisen auf „Bambusbriefen zwischen Europa und Asien“ ihren tieferen Sinn. Haben Sie Lust darauf, mich jetzt zu begleiten? Dann folgen Sie mir zunächst nach Deutschland, in die kleine Stadt Weimar des Jahres 1827 mit ihren rund 9.700 Einwohnern.
Goethes merkwürdiges China
„In diesen Tagen, seit ich Sie nicht gesehen“ sagte Goethe, „habe ich vieles und mancherlei gelesen, besonders auch einen chinesischen Roman, der mich noch beschäftigt und der mir im hohen Grade merkwürdig erscheint.“ „Chinesischen Roman“, erwiderte Eckermann, „der muss wohl sehr fremdartig aussehen.“ Doch Goethe schüttelte den Kopf: „Nicht so sehr, als man glauben sollte. Die Menschen denken, handeln und empfinden fast ebenso wie wir, und man fühlt sich bald als ihres Gleichen…“
Die beiden Männer reden weiter, während sie sich ihr Mittagessen an jenem kalten 31. Januar des Jahres 1827, schmecken lassen. Goethe hat in sein Stadthaus am Weimarer Frauenplan geladen. Draußen ist alles tief verschneit. Bei gutem Essen und einigen Gläsern Wein – man kann vermuten, dass es Würzburger Stein ist, denn Goethe liebt diesen Tropfen über alles – redet man mit über ein damals „merkwürdiges“ Thema. Es geht um China, ein fernes Land, in das keiner der beiden Männer zeitlebens einen Fuß gesetzt hat oder noch setzen sollte.
Johann Wolfgang von Goethe hatte sich „China“ jedenfalls gemerkt und war in den kommenden Monaten und Jahren intensiv mit diesem „merkwürdigen“ Lande beschäftigt. Sein Gegenüber Johann Peter Eckermann hörte interessiert zu, stellte Fragen und notierte das „merkwürdige“ Gesprächsereignis am Ende, so dass die Nachwelt davon erfahren konnte. Goethe ließ China – dieses merkwürdige Land mit seinen ebenso merkwürdigen Menschen - in den folgenden Jahren nicht mehr los. Noch im selben Jahr, als er mit Eckermann das Tischgespräch über Chinesisches führte, verfasste er in seinem kleinen Gartenhaus einen eigenen Gedichtzyklus. Er trug den Namen Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten. Kunstvoll angeordnet wie ein Jahreslauf, der im Frühjahr beginnt und im Winter endet – und Tag wie Nachtzeiten gleichermaßen erfassend, bilden die Gedichte einen Höhepunkt von Goethes Alterswerk. 1830 erschienen die Gedichte im „Berliner Musenalmanach“.
Chinas Deutschlandkenner und Übersetzer Feng Zhi, Qian Chunqi, Yang Wuneng und viele andere liebten Goethes Gedichte – und natürlich auch die Chinesisch-Deutschen Jahres- und Tageszeiten. Zahlreiche Doktorarbeiten entstanden an Chinas Universitäten zu dem Thema und 2015 startete eines der größten – wenn nicht das größte – Goethe-Übersetzungsprojekt überhaupt: Shanghaier Germanisten um den heute emeritierten Professor Wei Maoping von der "Shanghai International Studies University" wollen alles, was Goethe schriftlich hinterlassen hat, übersetzen. Zahlreiche Bände konnten bisher übersetzt werden. Im zweiten Band der Gesamtausgabe versammeln sich Goethes gedichtete Gefühle gegenüber Asien. Noch immer ist das Projekt nicht abgeschlossen – es wird weiter fleißig übersetzt. Nicht nur Goethe fühlte sich China nahe – viele Chinesen fühlen sich Goethe nahe, und es sollten mehr werden.
Den Osten fühlen
Die „Chinesisch-Deutschen Jahres- und Tageszeiten faszinieren mich schon seit vielen Jahren. Als Germanist, der mit 24 Jahren Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal nach China kam – und der später auch über die Entwicklung der Germanistik in China promovierte – war Goethe, der China nur aus Übersetzungen mittelmäßiger chinesischer Romane und Gedichte kannte, mein ständiger Begleiter. Bis heute finde ich es genauso „merkwürdig“, was der fast Achtzigjährige Goethe leistete, als er die „Chinesischen Tages- und Jahreszeiten“ nach diesen wenigen, unzureichenden chinesische Quellen dichtete. Sein Dichten war ein ständiges Fühlen des anderen, den er gar nicht kannte.
Goethe fühlte den Stress der Beamten der Qing-Dynastie, die ihren anstrengenden Job bei Hofe in Peking gern verließen, um in den Landschaften Jiangnans „am Wasser und im Grünen“ Wein zu trinken und zu dichten. Konfuzianisches und Taoistisches empfand er nicht als Gegensatz, wie es dem europäischen Denken oft entspricht, sondern als Ergänzung: Als Yin und Yang – das eine ist im anderen schon enthalten. Kultur enthält Natur, Natur wiederum Kultur in Gestalt des Menschen, den sie hervorgebracht hat.
Goethe fühlte in seinen „Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeiten“ die Lebenslust dieser Menschen in den Gelehrtenzirkeln Jiangnans, den Glanz des nächtlichen Vollmondes über einem dunklen See, die friedliche Vereinigung von Östlichem und Westlichem in einem imaginären Garten – und paarte seine Gefühle für den Osten, der allein seiner Vorstellung angehörte, mit Bildern von Liebe und Schönheit.
Die Empathie für den Osten zeichnete vor allem den älteren Goethe aus. Sie war die Frucht eines langen Reifeprozesses. Doch zwischen Deutschland und China lag eine andere Kultur, die den Dichter faszinierte: Sein „östliches Alter Ego“ fand Goethe nicht in China, sondern in Persien. Es war der große persische Dichter Hafis (ca. 1320-1390) aus Shiraz – heute im Süden des Iran gelegen - mit er sich ganz ohne Internet und Videocall allein in Gedanken von Weimar aus über mehrere Jahrhunderte hinweg in seinem „West-Östlichen Divan“ verband. Er erkor Hafis zu seinem seelenverwandten Bruder im Osten, bevor er dann, Jahre später, als „deutscher Mandarin“ sich in Gedanken neben die Reiswein trinkenden Beamten der Qing-Dynastie irgendwo in einem Suzhouer Garten setzte. Er war längst ein Kumpan des Hafis, bevor er mit den Chinesen fühlte, wie schön es war, endlich die Regierungsgeschäfte und Pflichten zurück im nördlichen Peking gelassen zu haben. Goethes Empathie für und mit Asien ging weit und tief zugleich – von Persien bis nach China, von Hafis bis zu imaginären Suzhouer Literaten, die er leider niemals wirklich kennenlernte.
Eurasien als „Gingko-Komplex“
Parallelen von Goethes inniger Asienverbindung mit einer Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen finden sich in einem der schönsten Goethe-Gedichte überhaupt: Im Ginkgo Biloba, jenem berühmten Liebesgedicht, das zwölf Jahre vor dem Gespräch mit Freund Eckermann über China entstand – später in den großen West-Ost-Gedichtzyklus „West-Östlicher Divan“ integriert wurde, jenem Zwiegespräch mit dem persischen Dichterzwilling Hafis.
Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als eines kennt?
„Zwei Gefährten, die sich kennen“ schreibt der Goethekenner Yang Wuneng und ahnte bereits in seiner Übersetzung, dass nicht unbedingt nur zwei sich liebende Menschen gemeint sind. Johann Wolfgang Goethe hatte seiner Freundin Marianne Willemer dieses Gedicht gewidmet. Goethe liebte nicht nur „seine“ Marianne, sondern er verwandelte sich auch in einen „neuen Hafis“, den die Liebe zu seiner „neuen Suleika“ von West nach Ost reisen ließ. Der ostasiatische Ginkgo trägt noch weiter: Er symbolisiert “die poetische Dopplung zweier Kulturen, deren Vereinigung der Divan anstrebt“. So deutet Ulrich Gaier die beiden Gefährten dann als zwei Kulturen – eine europäische und eine asiatische. Beide vereinen sich zu Eurasien. Beide Kulturen sind als „Ginkgo-Blatt“ nur zwei Hälften eines Ganzen und somit untrennbar miteinander verbunden.
In Zeiten, in denen Trennendes zwischen West und Ost zur Mode geworden ist, in Zeiten, in denen wir vor allem in Europa über Systemrivalitäten, wirtschaftliche Ungleichgewichte, Aufrüstung, Cyberkriminalität und eine Intelligenz, die vor allem künstlich ist, reden, in Zeiten, wo der Erfolg deutsch-chinesischer Beziehungen mehr im Imperfekt als im Präsenz erzählt wird, wird das Ginkgo-Blatt zum Mahnmal. Goethes Wunsch und Fähigkeit, sich mit dem Osten „zu vereinen“, wird wichtiger denn je.
Die Wiedervereinigung von Ost und West
Ein kulturelles Eurasien ist genaugenommen eine Wiedervereinigung im großen Stil, denn Asien und Europa entstammen derselben Wurzel, der großen eurasischen Landmasse. Bis heute ist es wissenschaftlich kaum möglich, zwischen beiden Kontinenten eindeutige Grenzen zu ziehen. Hätten die alten Griechen ihre besondere Kultur nicht von der Persiens abgrenzen wollen, jenem Persien, das Goethe in seinem „Diwan“ als seelenverwandt wiederentdeckte, so gäbe es weder Europa und noch Asien als getrennte Größen!
Doch zu viel Enthusiasmus ist auch nicht gut. Wir können die Geschichte nicht ändern – und so bleiben auf dem Boden existierender Tatsachen zwischen Ost und West. Eines jedoch ist sicher: Es ist besser, sich gegenseitig nahe zu fühlen, als stets nur mit dem Kopfe über den jeweils anderen zu räsonieren und bewusst so etwas wie „interkulturelle Distanz“ aufrecht zu erhalten. Seit vielen Jahren bin ich skeptisch gegenüber zu vielen geistigen Konstruktionen zwischen West und Ost. Daher verfasste ich im Jahr 2015 einmal ein Buch, das den Untertitel trug: „Warum der Westen weniger denken muss, um den Osten besser zu verstehen“, ein dekonstruierender Satz, der mir zehn Jahre später wichtiger denn je erscheint und mich selbst wieder Goethe nahebringt, der zwar auch viel über den Osten nachdachte, aber ihn immer auch in sich selbst fühlte, ohne je physisch dagewesen zu sein. Wie viele Europäer aus Politik und Wirtschaft waren physisch in Asien, sind emotional aber nie dort angekommen.
Europas 18. Jahrhundert – und Goethe war Kind jener Zeit – hatte im Zuge der Aufklärung alle gedankliche wie emotionale Freiheit besessen, sich wirklich nach Osten zu öffnen, bevor Macht, Wirtschaft und Politik das Verhältnis bestimmten und eintrübten. Es brauchte nur 60 Jahre – zwei Generationen – um Ost und West mit den brutalen Mitteln des europäischen Imperialismus während des 19.Jahrhunderts auseinander zu treiben. Rudyard Kiplings berühmte Ballade von West und Ost, die mit dem Ergebnis kolonialen Trennung und Demütigung beginnt, bezeugt dies: „East is East and West is West – and never the twain shall meet(Ost ist Ost und West is West – und nie sollen beide zusammenkommen…“ – am Ende aber - oft überlesen - schließt das Gedicht mit einem kolossal wichtigen Satz für unser 21.Jahrhundert: But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth, When two strong men stand face to face, tho’ they come from the ends of the earth (Aber da ist weder Ost noch West, weder Grenze, noch Rasse, noch Geburt, wenn zwei starke Männer (Menschen) einander gegenüber stehen – auch wenn sie von den jeweiligen Enden der Welt herkommen)!“ Aus seiner vergangenen Zeit heraus gibt uns Kipling eine zentrale Botschaft mit auf den Weg in die Zukunft: Herauszufinden, was die Stärke dieser beiden „Männer“, besser Menschen, aus Ost und West ausmacht, wie man sie gestaltet, wie man sie zusammenbringen kann – das ist die große Aufgabe unserer Zeit!
Liebe Grüße aus Hallenberg!
Marcus Hernig
Im Dezember 2025
Goethe und Eckermann im Gespräch
Goethes Gartenhaus an der Ilm
上外主编的 歌德全集– In Band 2, erschienen 2024, findet sich die neueste Übersetzung der Chinesisch-Deutschen Jahres- und Tageszeiten, der West-Östliche Divan.
Bauchgefühl versus „verkopftes“ Denken: Chinas Bauch – Warum der Westen weniger denken muss, um den Osten besser zu verstehen, Hamburg 2015.
Englands West-Ost-Visionär: Rudyard Kipling (1865-1936)
Wir sind mehr als ein nur ein Haufen Experten: Bei uns arbeiten kluge Köpfe als Freunde zusammen. Gemeinsam stecken wir viel Freude und Leidenschaft in unser Produkt, das zeichnet uns aus.
Wir sind erfahren, verlässlich sowie fokussiert auf gute Ergebnisse und wissen es zu schätzen, mit großartigen Kunden zusammenzuarbeiten.
Es gibt eine einfache Wahrheit: Wenn Sie an das glauben, was Sie tun, können Sie Großes erreichen. Das ist der Grund, warum Ihnen bei der Erreichung Ihres Zieles helfen möchten.