Bambusbriefe

Im alten China schrieb man Briefe, kurze Essays und andere nicht zu lang gehaltene schriftliche Mitteilungen auf Bambusstreifen, die mit Fäden zusammengeheftet wurden. Besonders vor der Erfindung des Papiers im zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt waren diese "Bambusbriefe", die wichtigsten Formen schriftlicher Kommunikation.

Unsere Bambusbriefe erzählen Ihnen Bemerkenswertes in der langen Geschichte des Austauschs zwischen Ost und West, nicht allein zwischen China und Deutschland, sondern auch von Personen, Werken, Büchern, Ereignissen, Phänomenen, die Ost und West zusammengebracht und gemeinsam bewegt haben.

Die chinesischen Originaltexte, feinfühlig übersetzt von meiner Frau Isabel Wiedenroth (周雲潔), füllen die Kolumne Marcus Hernigs euro-asiatische Bambusbriefe (何马可的欧亚书简). Sie erscheint monatlich in Shanghais führendem Medium THE PAPER (www.thepaper.cn).


Die deutschen Fassungen lesen Sie je nach Belieben exklusiv nur hier auf meiner Webseite. 

Die Märchenerzähler 

Wenn Friedrich Merz in diesem Monat nach China fliegt und die deutsch-chinesischen Beziehungen stabilisieren möchte, dann ist man in Peking zufrieden. Ein Zauber geht davon nicht aus. 
 
Doch es geht auch anders – und das hat niemand eindrucksvoller vermocht als zwei deutsche Professoren namens Jakob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859). Grimms Märchen sind eine Erfolgsstory weltweit, in China haben sie jedoch einen fast einzigartigen Zauber ausgelöst, der immer wieder neue Höhepunkte der Märchenbegeisterung hervorbringt. 
 
Mit diesem Brief erinnern wir uns dieser einzigartigen Faszination von Geschichten „made in Germany“ und erzählen ihre spannende Geschichte im Reich der Mitte.  Wir bedauern, dass umgekehrt chinesische Märchen in deutschen Kindergärten und Schulen bisher wenig bekannt sind. Das wäre ein großes Zukunftsthema für chinesisch-deutsche Beziehungen mit Blick auf unsere Kinder. Umso wichtiger, dass wir uns in der chinesischen Übersetzung von Isabel damit jeden Monat auch an ein chinesisches Lesepublikum wenden… 

Ein Brief an den Erfinder der Seidenstraße

im Januar 2026 

Diesmal ist es an der Zeit ein beharrliches Missverständnis auszuräumen: Die Seidenstraße, besonders in ihrer „neuen Variante“ des 21. Jahrhunderts, sei eine einseitige chinesische Angelegenheit. Ich widerspreche: Die Seidenstraße – auch die „neue“ mit ihren Infrastrukturbauten für Verkehr und Energie ist wesentlich eine deutsche Erfindung und geht uns sehr viel an.

Ein Geograf aus Berlin erfand den Begriff und machte ihn international bedeutend, sein Schüler, ein Schwede, erforschte erstmalig die Umnutzung zu modernen Straßen- und Eisenbahnverbindungen. Die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der Sowjetunion brachten einen ehemaligen sowjetischen Außenminister und Ex-Präsidenten dazu, den Begriff einer „neuen Seidenstraße“ zu denken.

Das Wissen heute um diese Vergangenheiten ist wichtig. Dazu bin ich einen ungewöhnlichen Weg gegangen: Ich habe einen klärenden Brief in die Vergangenheit geschrieben, an einen Toten, Ferdinand von Richthofen (1833-1905), der einst den Begriff Seidenstraße in die Welt setzte. Darin steht vieles, was wissenswert ist. Wie riet uns schon Konfuzius? „Wer sich mit dem Alten vertraut macht – und daraus neue Wege erkennt, der ist imstande ein Lehrer zu sein.“ Möge der neue Bambusbrief in diesem Sinne neue Einsichten vermitteln…

Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten 

im Dezember 2025

Was China betrifft, so wusste Goethe Vieles besser als manch ein Zeitgenosse heute: " Die Menschen denken, handeln und empfinden fast ebenso wie wir, und man fühlt sich bald als ihres Gleichen…“ erzählte er Johann Peter Eckermann an einem kalten Januartag des Jahres 1827. 

Politik und Medien des 21.Jahrhunnderts suchen nicht mehr das "Gleiche", das "Verbindende", sondern den Systemrivalen. Goethe wusste Vieles nicht nur besser als manch ein zwischen China und Deutschland hin- und hereilender Politiker, Medienmensch oder Geschäftemacher. 

Obwohl nie in China oder in Asien gewesen, fühlte er den Osten als engen Vertrauten, er nahm sich Zeit für den anderen, er wehrte sich gegen den "Teufel der Geschwindigkeit", den er Velocifer nannte und schrieb in Muße eines seiner schönsten Gedichte: Die "Chinesisch-Deutschen Jahres- und Tageszeiten". Heute ist es mehr denn je an der Zeit, diese weiterzuschreiben. Ich habe es versucht...