Im Mai 2026
Im Shanghaier Simingcun scheint die Zeit still zu stehen – und doch ist es hier lebendiger als an vielen anderen Orten der Metropole. Das Leben hier ist weniger geordnet, bunter – und vor allem menschlicher. Die Menschen sprechen noch direkt mit mir und starren nicht ausschließlich auf ihr Smartphone.
Einer von ihnen ist Benny, so lautet sein englischer Name. Er wuchs im Simingcun auf, diesem typischen Shanghaier Wohnkomplex vom Anfang des 20.Jahrhunderts, ist heute Anfang Siebzig, dabei aber noch sehr agil. Ich erzähle ihm, dass ich nach einem besonderen Menschen suche, der einst hier gewohnt hatte. Dieser Mensch wollte das Verhältnis zwischen Asien und Europa, zwischen Ost und West neu und anders gestalten. In China nennt man ihn Tai’ger (Tagore). Er war der ersten Nobelpreisträger Asiens..
Foto: Marcus Hernig mit "Tagore" in Lu Xun Park, Shanghai
Der Asiaropäer
Wie der erste Nobelpreisträger Asiens Rabindranath Tagore (1861-1942)
ein neues Denken zwischen Ost und West prägte
Im Westen kennt man ihn unter seinem Namen Rabindranath Tagore (1861-1942), in Indien ist er eine Symbolfigur der eigenen Kultur, Dichter, Musiker, Universaltalent und Schöpfer der indischen Nationalhymne. Sein chinesischer Name lautete eigentlich Zhu Zhendan (竺震旦), „Donner und Sonne aus Indien“.
Benny bietet sich sofort als Führer an: „Das Haus, wo Tagore damals auf Einladung seines Freundes und Bewunderers Xu Zhimo (1897-1931) lebte“, sagt Benny, „stand nicht hier in diesem Teil, es lag außerhalb.“ „Lag?“ frage ich zurück. „Ja“ sagt Benny, „das gibt es schon lange nicht mehr“. Und so war es dann auch. Dort, wo Benny mich hinführte, ist nichts geblieben als ein kleines Hinweisschild auf den historischen Besuch.
Tagore und China: Die gescheiterte Vision eines asiatischen Bewusstseins
Dieser Besuch fand 1924 statt. Vor mehr als 100 Jahren. Als Tagore im Frühjahr in China ankam, waren viele chinesische Intellektuelle enthusiastisch. Der große Mann mit den unendlich tiefen Augen und dem langen weißen Gelehrtenbart beeindruckte. In seinem langen Gewand schien er aus einer anderen Welt und anderen Zeit in ein Land gekommen zu sein, dass nach der Bewegung des Vierten Mai 1919 gerade im Begriff war, sich zu einer Nation zu formen, modern zu werden. Was Tagore predigte, überraschte und enttäuschte die meisten Menschen in China: Er sprach von der „Wiedereröffnung“ des Austauschs zwischen den beiden großen Kulturen Asiens, der indischen und der chinesischen. Er sprach von Brüdern, die sich nach langer Zeit wiedergefunden haben. Doch er machte keine Hoffnung auf eine schnelle gemeinsame Modernisierung Indiens und Chinas, keine Hoffnung eine asiatische Kraft der Moderne zu entfachen, die sich Europa und Amerika entgegenstellen konnte. Er hatte kein Rezept für schnelle praktische Lösungen, die vielen damaligen Probleme Chinas und Asiens zu lösen.
Stattdessen sprach Tagore davon, dass China, Indien und ganz Asien wieder „große asiatische Träumer“ bräuchte, die Visionen haben, die alte enge geistige und kulturelle Verbindung innerhalb Asiens wiederaufzubauen. Er sprach von der Zeit von rund acht Jahrhunderten - von der Han- bis zur Tang-Dynastie - welche China und Ostasien den Buddhismus aus Indien brachte. Tagore träumte von einer geistigen Verbrüderung von China und Indien, einem kulturellen Selbstbewusstsein, dass weder Maschinen noch materiellen Wohlstand und militärische Stärke im Blick hatte, sondern seinen Reichtum aus alter Philosophie und zeitgemäßer Interpretation derselben entwickeln sollte. Westliche Wissenschaft, um das Leben der Menschen angenehmer, gesünder und mithilfe von Technologie einfacher zu machen, schloss er zwar nicht aus, wie er gegenüber damaligen Studierenden betonte. Doch wichtiger war ihm, nicht den Weg des Westens, den Weg Europas, den Weg der Nation zu gehen, sondern Grenzen aufzulösen und so eine kulturelle Einheit Asiens zu bilden. Nur so könne man Asien vor Nationalismus und Materialismus aus dem Westen bewahren und in einen selbstbewussten Dialog von Asiaten mit Europäern treten. Nur so könne Asien auch Europa positiv beeinflussen, so wie Europa in Shanghai, Mumbai und anderen Städten Asiens nachhaltig beeinflusste.
Tagore wählte als Ansatz seiner chinesischen Gespräche den Geist der Menschlichkeit, ein wichtiges Element indischen wie konfuzianischen Denkens. Doch genau diese Jahrtausende alte Denken wollte China in den 1920er Jahren überwinden. Der indische Dichter musste scheitern, denn Tagores spiritueller Idealismus passte weder zu Chinas noch zu den Bedürfnissen anderer asiatischer Gesellschaften: Was dringend gebraucht wurde, war Moderne, waren westliche Technologien, westliche Gesellschaftskonzepte, um stark zu werden – und nie wieder unter europäischen Kolonialismus leiden zu müssen. Darin waren sich fast alle einig: Liang Qichao (1873-1929), einer der ersten und wichtigsten Denker eines modernen Chinas, und Liang Shuming (1893-1988), Analytiker westlichen und östlichen Denkens, sympathisierten zwar mit Tagores Idee selbstbewusster asiatischer Zivilisation. Sie kritisierten aber den Rückblick auf alte geistige Tugenden, die Abwesenheit von nationaler Stärke, ohne die ein Überleben und kulturell selbstbewusster Neuanfang unmöglich seien. Beide bewunderten Indiens Fähigkeit zu religiöser Reflexion, metaphysischer Tiefe und individueller Schau auf das innere Wesen der Dinge, zeigten sich beeindruckt, wie tief sich dieses in der Person des Besuchers vom Subkontinent widerspiegelten – doch China, da waren sie sich mit deutlich schärferen Kritikern einig, brauchte die Moderne.
Ab hier trennten sich die Wege Indiens und Chinas wieder.
Tagore war in China gescheitert, doch er hinterließ neben seinen gescheiterten asiatischen Visionen für das 20. einen bedeutenden Satz für das globale 21. Jahrhundert: „Let all human races keep their own personalities, and yet come together, not in a uniformity that is dead, but in a unity that is living.”
Einheit entsteht durch Differenz, nicht durch deren Auslöschung. Asien wird - anders als Amerika und auch anders als Europa – nie eine politische Einheit bilden, jedoch ein Gebilde von Beziehungen, in der jeder Teil nicht den anderen von der Überlegenheit der eigenen Kultur und Lebensform überzeugen will. Die notwendige Voraussetzung dafür ist Ko-Existenz. Entscheidend ist es, die Ko-Existenz der Kulturen mit Dialog, Austausch und Kooperation zu überwinden. Heute sind solche Prozesse in Asien angelaufen: Sie bestehen vor allem aus wirtschaftlicher, technologischer und zunehmend auch kultureller Zusammenarbeit. Das ist anders, als Tagore sich das gedacht hat, doch in der Summe entsteht hier eine „Einigkeit“ selbstbewusster asiatischer Entwicklungsansätze, die eigene Dynamiken in Gang gesetzt hat, in die Europa sich mit seinen Besonderheiten integrieren kann. Das ist der moderne Ansatz „asiaropäischen“ Denkens.
Tagore und Deutschland: Dialog statt Nachahmung
Doch bleiben wir in der Geschichte. Nach Europa reiste Tagore viele Male. Schon berühmt und 1913 als erster Asiate mit dem Literaturnobelpreis geehrt, kam Rabindranath Tagore 1921 erstmals nach Deutschland. Auf ihn schienen viele deutsche Intellektuelle gewartet zu hatten. Eben noch vor militärischer Kraft und wirtschaftlicher Stärke strotzend, taumelte das damalige Deutschland der tiefsten wirtschaftlichen Depression seiner Geschichte entgegen – und auch der Nationalsozialismus trat mit seinen Stiefeln schon gegen die brüchigen Pforten seiner gerade neu eröffneten, zerbrechlichen Demokratie.
Immerhin hatte die Niederlage im Ersten Weltkrieg Deutschland davon abgehalten, es Großbritannien, Frankreich, Spanien und den Niederlanden gleich zu tun und andere Teile der Welt im großen Maßstab als Kolonien zu unterjochen.
Tagores Denken der geistigen Grenzüberschreitung passte perfekt zu den Bedürfnissen deutscher Denker, die neuen Sinn und Orientierung suchten. Gelehrte, Verleger, Kulturschaffende wollten ihn sehen – immer wieder, so dass Deutschland ein Jahrzehnt lang, bis 1930, als Land neuer Ideen aus Asien im Fokus blieb. Höhepunkt und Abschluss bildete die Einladung Albert Einsteins in dessen Sommerhaus in Caputh bei Berlin 1930.
Deutschland lieferte Tagore für eine kurze Zeit genau das, was er sich für das künftige Verhältnis zwischen Asien und Europa vorstellte – wegweisende geistige Dialoge auf Augenhöhe. Als „Asiaropäer“ war er fest davon überzeigt, dass Europa Asien dringend benötigte. Nicht als Produktionsstandort, nicht als Markt oder Ziel seiner politischen Ideen, sondern als Korrektiv seiner Zivilisation, die er aus dem Gleichgewicht geraten sah. Deutschlands Situation war der Beweis dafür. Europa hatte sich in Materialismus, Eroberungswahn, geistigem Sendungsbewusstsein und militärischer Aggressivität verrannt. Deutschland hatte sich genau mit diesen Merkmalen selbst zerstört.
Für Tagore war Europa unvollständig und fragil, weil ihm das Spirituelle fehlte, aber auch das Bewusstsein für das Ganzheitliche, was indisches wie chinesisches Denken bestimmt. Er schätzte Goethe, weil dieser als einer der ersten Europäer in seinem west-östlichen Diwan mit der Liebe zum persischen Dichter Hafis Shiraz (1315-1390) als einer der ersten Europäer „asiaropäisch“ in Form von Beziehungen zwischen Ost und West dachte: Nur in der Beziehung zum Osten konnte Goethe sich im fortgeschrittenen Alter literarisch weiterentwickeln.
Tagore entlarvte den entscheidenden Fehler der Kulturenbegegnung zwischen Ost und West: „Der Westen hat seine eigenen Ideale der Perfektion, der Osten ebenfalls. Der Fehler liegt darin, wenn eine Seite versucht, die eine der anderen aufzuzwingen“, so schrieb er in seinem Buch Creative Unity von 1922. Wie man diesen Fehler vermeiden konnte, demonstrierte er im Gespräch mit Albert Einstein im Jahr 1930, dokumentiert in der Dialogaufzeichnung „On the nature of reality“. In gegenseitigem Respekt und mit weiser Bescheidenheit, legten beide ihre unterschiedlichen Auffassungen von Wahrheit nieder: Einstein jene von einer naturwissenschaftlich zu erforschenden Wahrheit jenseits und unabhängig von Menschen und Tagore seine, in untrennbar an das Bewusstsein des Menschen gebunden ist.
Tagore – der erste Asiaropäer
Tagores Denken war im Kern neu. Es machte ein selbstbewusstes Asien zum Ausgangspunkt, dessen historisch gewachsene Kultur gleichberechtigt mit der materialistischen Kultur Europas und Amerikas in Austausch kommen sollte. Ich nenne diese Art zu Denken „asiaropäisch“, weil sie von Asien ausgeht und mit der Eigenständigkeit Asiens in den Dialog mit Europa tritt. Ein Mensch denkt „asiaropäisch“, wenn er die Entwicklungen Asiens zum Ausgangspunkt nimmt, um damit West und Ost von Osten her zu verbinden. Doch dafür bedurfte es zunächst der Verbrüderung der großen Leitkulturen Asiens, der indischen und der chinesischen, die Okakura Kakuzo (1863-1913) einst als die beiden großen kulturellen Leitbilder Japans anerkannte. Aus der Harmonie östlicher Vielfalt in den Dialog mit dem Westen treten – so könnte man Tagores „asiaropäisches“ Konzept beschreiben.
Tagore war nicht nur der erste asiatische Nobelpreisträger der Geschichte, sondern auch der erste Asiaropäer (亚欧人), kein politischer Akteur, sondern eine intellektuelle Figur. Ein Asiaropäer ist mehr als ein kultureller Mittler zwischen Ost und West. Er ist eine Figur, ein Denker, der Zivilisation miteinander in ein Verhältnis setzt. Tagore ist es zumindest im Ansatz gelungen, ein asiaropäisches Dreieck zwischen China, Indien und Europa, im Besonderen Deutschland zu schaffen.
In China scheiterte er damals an der politischen Realität. Er wollte nicht akzeptieren, dass Selbstbewusstsein erst dann entstehen kann, wenn eine gewissen Kraft und Stärke gegeben ist, dieses Bewusstsein zu entwickeln. Doch er ist eine Symbolfigur der indisch-chinesischen Kulturbeziehungen, die über 800 Jahre das Gesicht Asiens geprägt haben – und die er mit Freundschaft und kultureller Synthese wiederzubeleben gehofft hatte. Was damals noch nicht gelingen konnte, ist eine große Chance Asiens heute.
In Deutschland gelang Tagore der echte kulturelle Dialog zwischen Ost und West auf Augenhöhe. Im Gespräch mit Albert Einstein demonstrierten beide das Prinzip der gegenseitigen Wertschätzung und die Bereitschaft, die jeweils andere Überzeugung zu respektieren. Der Dialog beider ist anregend für eine multipolaren Welt gegenseitiger Anerkennung, die leider im politischen Denken und Handeln unserer Zeit in Teilen noch immer fehlt: Das Handeln der USA, nicht nur unter Donald Trump, ist ein Beispiel dafür. Umso mehr sind nun Europäer und Asiaten als Partner gefragt: Sie können
im Westen wie im Osten des gemeinsamen eurasischen Kontinents Grundlage jenes Konzeptes, das ich Asiaropa nenne, selbstbewusst weiterentwickeln. Rabindranath Tagore ist ihr Schirmherr und geistiger Vordenker.
1924: Tagore in China mit Xu Zhimo (rechts) und Lin Huiyin (links)
Tagores wichtigste Werk zwischen Ost und West: „Creative Unity“ von 1922
Tagores Talks in China von 1924